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KI in der Fotografie: Welche Fotografen werden noch gebraucht?

Es war einmal in meinem Leipziger Atelier, da lernte ich über einen Kunden drei technikinteressierte Männer kennen, die künstliche Intelligenzen im Fotobereich programmierten. Sie schwärmten davon, was diese alles können und wollten mir ihre Ergebnisse unbedingt präsentieren, um meine Meinung zu erhalten. Zu Beginn war ich etwas skeptisch, denn ich hatte mit KI noch nicht viel zu tun, doch die Sympathie siegte und so willigte ich einem Treffen ein.

Mit einem Mischpult neue Gesichter erschaffen

Was ich am Tag unseres Treffens sah beeindruckte mich sehr. Sie begannen damit mir einige Fotografien von Menschen zu zeigen, ganz normale Porträts, mal besser und mal schlechter fotografiert, mal vor einfarbigem Hintergrund, dann inmitten einer Szenerie. Es waren durchschnittliche Fotografien, die man schnell wieder vergisst.

Doch es war etwas Besonderes an diesen Fotos. Diese Fotos waren nämlich keine Fotos, sondern KI-generierte Grafiken von menschlichen Gesichtern, die aussehen wie Fotos. Selbst mit meinem sehr geschulten Auge konnte ich dies nicht erkennen.

Anschließend drückten mir die Herren ein kleines selbstprogrammiertes Mischpult in die Hand, so ähnlich wie man es kennt, wenn man mehrere Kanäle miteinander mischen möchte. Es gab auf dem Bildschirm drei Porträts zu sehen und drei Regler. Ich sollte jeweils an demjenigen Regler drehen, dessen zugeordnetes Gesicht mich am meisten ansprach.

Plötzlich veränderten sich in Echtzeit die anderen beiden Gesichter und wurden meinem Favoriten ähnlicher. Nun sollte ich mir wieder einen neuen Favoriten auswählen und das Spiel begann von vorn. Ohne Verzögerung generierte die KI somit immer zwei weitere Varianten meines favorisierten Bildes und immer wurde die Entscheidung schwerer.

Das Spiel hätte ich wohl endlos fortsetzen können und war zutiefst beeindruckt, wie weit die Technik inzwischen ist. Das alles war noch vor ein paar Jahren, als nur ein paar Nerds von KI sprachen und es noch nicht so populär war.

Per Knopfdruck zum perfekten Bild

Inzwischen gibt es eine Vielzahl an KI-Werkzeugen, mit denen sich innerhalb einem Bruchteil von Minuten eindrucksvolle Bilder erzeugen lassen. Die meisten basierten dabei auf einem Text-zu-Bild-Prinzip, man gibt also die Beschreibung eines Bildes ein und prompt generiert die KI eines oder mehrere Bilder dazu. Das gleiche lässt sich beliebig oft fortsetzen und immer kommen neue Varianten zum Vorschein.

Es lassen sich, ähnlich wie bei Filtern auf dem Smartphone oder Presets in einer Bildbearbeitungssoftware verschiedene Stile wählen, wie beispielsweise Anime, Comic, Mystik oder Fotorealismus. Somit ist es ab sofort ein technischer Standard Bilder künstlich zu erzeugen, auf denen selbst ein Fachmann nicht mehr erkennt, dass es sich um eine künstlich erzeugte Schein-Fotografie handelt.

Es gibt inzwischen sogar eigene Internet-Gemeinschaften, in denen Menschen ihre Werke zeigen, die von einer KI generiert wurden. Da dieser Beitrag keine Werbung für solche Software sein soll und auch nicht die Funktionsweisen vergleichen will, verzichte ich an dieser Stelle bewusst auf die Nennung von diesen Tools.

Viel interessanter ist die Frage, wie diese neuartigen Technologien das Leben der Fotografen verändern werden.

Vorteile für Fotografen von der KI

Die Vorteile der KI für Fotografen sind durchaus nicht zu unterschätzen, denn wie bei jeder Technologie kann diese zum Schaden oder zum Nutzen der Menschen eingesetzt werden. Zum vermeintlichen Schaden werden wir anschließend noch kommen, doch betrachten wir vorerst den Nutzen, den Hobby- & Berufsfotografen durch die KI haben.

Die KI kann die eigene Ideenlosigkeit überbrücken

Manch ein Hobby-Fotograf mag an Ideenarmut leiden, beispielsweise weil er sich mehr für die technische Seite der Fotografie interessiert, als für die kreative. Dieser kann sich ab sofort von einer KI sowohl Bildideen liefern, als diese auch gleich in Bildbeispielen ausgeben lassen. Das kann ihn dabei unterstützen seine eigene Kreativlosigkeit zu überbrücken und trotzdem zu fotografieren. Wie stolz er dann auf seine Arbeit sein darf und wie kreativ die Ideen werden, darüber darf man natürlich hitzig diskutieren.

Eine KI kann helfen, fotografische Fähigkeiten zu trainieren

Durch die Erzeugung von künstlichen Fotos kann natürlich auch die eigene fotografische Fähigkeit geschult und trainiert werden. Beispielsweise in dem man mit Hilfe der KI einige Werke erstellt, die man dann fotografisch nachstellt. Das kann vor allem dabei helfen, die Planung und Organisation von Fotoshootings sowie vor allem die kreative Arbeit mit Licht und Perspektiven zu üben. Somit kann die KI genutzt werden, um ein besserer Fotograf zu werden.

Stimmungsbilder als Ideenskizzen können mit Hilfe von KI erstellt werden

Es ist unter Fotografen üblich, vor einem Fotoshooting eine Sammlung von Stimmungsfotos oder Motivideen zu sammeln und diese beispielsweise mit Modellen, Visagisten oder Kunden zu teilen. Bisher war dafür oft die Google-Suche oder Pinterest ein geeignetes Werkzeug. Ab sofort kann dies eine KI übernehmen. In Blitzschnelle kann man verschiedene Stimmungen und Kompositionen in Bildern erzeugen, um anderen anhand von Bildern zu zeigen, was man selbst vorhat. Das kann durchaus dabei helfen, dass das Fotoshooting effektiver abläuft, weil alle das gleiche Bild vor Augen haben, im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Nachteile von KI für Fotografen

All die zuvor genannten Vorteile, können schnell auch zum Nachteil werden, sobald sich ein Fotograf von der Technik abhängig macht. Das kann schnell zur Trägheit und Lauheit führen, bis man selbst nicht mehr in der Lage ist, eigene Ideen und Wege zu entwickeln. Das ist jedoch nicht nur KI-spezifisch, sondern gilt für jede Bequemlichkeit.

Aufträge, welche die KI besser effektiver kann als Fotografen

Wenn wir vom Risiko der KI sprechen, dann sprechen wir meist vom Risiko für Berufsfotografen, die von der Fotografie leben. Denn Hobbyfotografen werden weiterhin unbefangen dem nachgehen, was ihnen Freude bereitet und selbst entscheiden, wieviel Technologie in die eigene Arbeit Einzug halten darf.

Ein Berufsfotograf ist jedoch durchaus von der technischen Entwicklung abhängig, da sie seine Marktpositionierung berührt und sogar dazu führen kann, dass sich ein Fotograf komplett neu positionieren muss, weil er sonst am Markt unbrauchbar wäre. 

Betrachten wir im folgenden einige Bereiche, bei denen es durchaus vorstellbar ist, dass die KI bzw. allgemein digital erstellte Bilder, wie auch CGI, den Fotografenberuf vollständig verdrängen könnte.

  • Automobilfotografie
  • Architekturfotografie
  • Werbefotografie
  • Beautyfotografie
  • Sportfotografie
  • Pass- & Bewerbungsbildfotografie
  • teilweise Industriefotografie
  • teilweise Produktfotografie
  • teilweise Eventfotografie
  • teilweise Modefotografie

Die meisten der genannten Bereiche haben mindestens eine der folgenden Eigenschaften gemeinsam:

  • die Fotografen sind beliebig austauschbar
  • es kommt nicht auf eine individuelle Handschrift des Fotografen an
  • die Produktion verursacht hohe Kosten (Aufwand oder Häufigkeit)
  • es existiert bereits ein digital erstelltes Vorbild
  • dem Betrachter ist es nicht wichtig, dass es ein echtes Foto ist
  • das Bild ist in kurzer Zeit bereits schon wieder unaktuell

Umso mehr dieser Punkte ein Fotografie-Bereich erfüllt, umso höher ist die Chance, dass dieser Bereich irgendwann vollständig von einer KI erledigt wird. Dabei sollten wir etwas weiter denken, als nur an die Erstellung von Text-zu-Bild generierten Fotos.

Es gibt jetzt schon Roboter, die eine Kamera bedienen können und einen Fotoauftrag im gewissen Rahmen damit vollständig umsetzen können. Der Weg ist also nicht mehr weit, bis auch die Kamera Licht, Setting und Aufbau selbst von der KI bzw. eine Roboter erledigt werden wird.

Aufträge, bei der ein Mensch noch weiterhin eine Rolle spielen wird

Neben den leider sehr vielen Bereichen, in denen der Fotograf womöglich austauschbar wird, gibt es dennoch eine handvoll Genres, in denen die persönliche Anwesenheit eines Fotografen noch für einige Zeit wichtig ist.

  • Porträtfotografie
  • Hochzeitsfotografie
  • Dokumentarfotografie
  • Kunstfotografie
  • Streetfotografie
  • Landschaftsfotografie
  • Fotografie in sozialem Umfeld
  • teilweise Produktfotografie
  • teilweise Eventfotografie
  • teilweise Modefotografie

In den ersten sieben fotografischen Bereichen wird der Mensch noch eine längere Zeit eine bedeutende Rolle spielen. Einerseits weil viele Kunden den Fotografen hier wegen seiner ganz persönlichen Handschrift buchen, sei es sein Gespür für Komposition, Licht oder den richtigen Moment. Auf der anderen Seite leben diese Fotografie Arten von der menschlichen Individualität, den persönlichen Absichten eines Menschen, den Wertevorstellungen oder dem besonderen Blick.

All das sind Merkmale einer Persönlichkeit, die eine KI zwar imitieren kann, doch sie wird niemals persönlich sein.

Zumal kommt es auch immer auf den jeweiligen Auftraggeber kann, gerade in den Bereichen, die ich mit dem Zusatz “teilweise” gekennzeichnet habe. Es wird immer Menschen geben, die sich in einer zunehmend digitalen und technologisierten Welt wieder mehr nach Echtheit, Natürlichkeit und Menschlichkeit sehnen. Diese Menschen werden es auch weiterhin sein, die einen Fotografen einer KI vorziehen, zumindest in bestimmten Fällen. Sie könnten sich nicht vorstellen vor einem Roboter zu sitzen, weil sie wüssten, dass es die Zwischenmenschlichkeit ist, die die meisten Situationen ausmacht.

Niemand kann in die Zukunft der Fotografie schauen

Niemand weiß wirklich wie sich die Welt der Fotografie durch die KI verändern wird, wir alle können nur mutmaßen und spekulieren. Doch wenn wir uns anschauen, wie sich die technische Entwicklung fortbewegt, sind einige Szenarien, wie die gezeigten, vielleicht ganz nah an der Wirklichkeit.

Ich für meinen Teil sehe die KI als ein vollständig eigenständiges Medium und daher mit der Fotografie nicht zu vergleichen. Ein KI-erstellten Bild darf in meinen Augen nicht den Namen Fotografie tragen, da es der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “schreiben mit Licht” nicht gerecht wird. Die KI-generierten Bilder können höchstens als Reumagraphien bezeichnet werden, was das griechische Pendant zu Photographien ist und “schreiben mit Strom” bedeutet. 

Die Technokraten sehen in diesem ganzen KI-Thema die Lösung vieler Probleme und teilweise auch die Rettung der Menschheit. Ich selbst sehe dieses ganze Thema sehr kritisch, auch wenn ich mich technischen Neuerungen keinesfalls verschließe. Wenn ich bedenke, wie weit die Technik schon fortgeschritten ist und wie sehr sie unseren Alltag bestimmt, wo doch die Glühbirne erst vor 144 Jahren erfunden wurde, da blicke ich oftmals mit Sorge der Zukunft entgegen.

Die technische Entwicklung hat uns Menschen sehr hochmütig werden lassen, wir stellen Logik und Verstand über die Menschlichkeit. Wir befinden uns auf dem Weg, auf dem die Technik bald schon nicht mehr dem Menschen dient, sondern der Mensch der Technik. Das sehe ich als großes Problem.

Ich wünsche mir eine Welt, in der es weniger Verstandesmenschen gibt und mehr Empfindungsmenschen. Ich wünsche mir ebenso eine Welt, in der wir unsere Naturverbundenheit mehr pflegen als unsere technischen Geräte. Dann dann – und nur dann – wird uns die Technik helfen können, uns auch menschlich weiterzuentwickeln, statt weiter am Turm zu Babel zu bauen.

Denn keine KI ganz das Erlebnis bieten, wie es ist an einem echten Fotografie-Workshop teilzunehmen oder die vielen Eindrücke einer Fotoreise nach Rumänien zu genießen. Das sind menschliche Erlebnisse, bei denen jede Technik versagen muss.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Dietlind

    Hallo Ron,

    ich sehe es ähnlich. Meiner Meinung nach zielt all das auf “Schneller-weiter-höher”, eine Redewendung,
    die manchem vlt. noch bekannt ist.
    Dem Menschen wird das Denken, Hinterfragen abgewöhnt, das ist sehr bequem.
    Auf Knopfdruck in Sekundenschnelle Ergebnisse erzielen, kommt einigen Wirtschaftsbereichen klar entgegen.
    Es werden Illusionen erzeugt, die faszinieren, jedoch auch erschrecken.
    Bezugnehmend auf die Fotografie fände ich es schade, nur noch Fake-Bilder zu sehen. Die verschiedensten Fotoplattformen leben doch schon davon. Ich persönlich bediene mich auch diverser Fotobearbeitungsprogramme, mit denen man schon durch entsprechende Werkzeuge das Foto “aufhübschen” kann. Im Grunde ist das doch auch schon KI? Oder?
    Ich versuche diesbezüglich einen gewissen Minimalismus anzuwenden, um meiner fotografischen Idee noch Authentizität zu geben. Und das werde ich sicher beibehalten, self-made.

    Man kann nur hoffen, dass sich die Macher um KI ihrer Verantwortung gegenüber der Menschheit und Natur besusst sind.
    Alles Gute für Dich, beste Grüße
    Dietlind

  2. Dietlind

    ;-))), bewusst sind.

  3. Christopher Back

    Ich kann mich noch ganz gut daran erinnern, als erste Bildbearbeitungs-Tools mit “KI” geworben haben (siehe Luminar & Co.). Was war der Aufschrei damals groß! Heute – nur ein paar wenige Jahre später – kann man mit KI (Lightroom) seine Bilder frei nach seinen Wünschen umgestalten, oder in anderen Tools gleich das ganze Bild erzeugen.
    Für mich persönlich hat das alles recht wenig mit Fotografie am Hut – gut, da spricht jetzt das Herz des Streetfotografen – für mich ist die Komponente der Realität und des Vergänglichen ein zentraler Bestandteil der Fotografie, das lässt sich zum Glück (noch) nicht durch das verschieben von Reglern erreichen 😉

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